Im Rahmen der Fachmesse “light+building” für Licht und Gebäudetechnik wird Frankfurt ab heute Abend von der Luminale erleuchtet werden. Die “Biennale der Lichtkultur” findet vom 15. bis 20. April 2012 und damit schon zum zehnten Mal statt. Über die gesamte Stadt verteilt wird es künstlerische Aktionen, Installationen und Skulpturen geben, die sich mit urbanem Raum auseinandersetzen und dabei mit allen Spektren des Lichts arbeiten. Das neunzig Seiten starke Programmheft verspricht ein ebenso breites wie diverses Angebot und vollgepackte Abendstunden. Diesjährige Höhepunkte sind sicherlich die Wiederaufführung von “Light Shaft” des amerikanischen Lichtkünstlers James Turrell im Gallileo-Art-Tower der Commerzbank, die Installation “Time Drifts” des Berliner Multimedia-Künstlers Philipp Geist auf dem künftigen Kulturcampus Bockenheim und der “Luna Park” im Palmengarten mit Arbeiten von Jaques Fournier, Luminauten, GNI-Projects, Fraunhofer IPMS, Loop.pH Ltd, Studio DRIFT, Philipp Artus, Nicola Burggraf, Makoto Azuma und Studierenden der HfG Offenbach. Mal sehen, welche Lichtquellen mich Nachtschwärmer diesmal so anlocken werden…
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Und weil es hier gerade um Licht geht: Das Video zu Squarepushers neuer Single dürften wohl auch die Kurratoren der Luminale mit leuchtenden Augen bestaunen, denn “Dark Steering” ist nicht nur ein ebenso dreckig wie epischer Electronic-DnB-Kracher, sondern obendrein ein optisches Spektakel. Tom Jenkins, so der bürgerliche Name des Mulitalents, steht samt LED-Helm vor und hinter selbstprogrammierten LED-Tafeln und löst sich in den Lichtflächen zunehmend auf. Die Visuals sind nach eigenen Aussagen angelehnt an eine Bibliothek eines postapokalyptischen Raumschiffs, sodass “it seems as if the viewer is ever accelerating through massive corridors of books” (1). Das von Rollo Jackson gedrehte Video verpflichtet einen förmlich zum Besuch der live shows.
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Wer sich nach all dem wunderbaren Blendwerk noch unbequem an die Earth Hour erinnert fühlt, die gerade mal zwei Wochen zurückliegt, dem sei gesagt, dass die Schwerpunkte der “light+building” diesmal auf der Digitalisierung von Licht und Gebäude, sowie dem Gebäude als grünem Kraftwerk liegen. Auch die Luminale bietet auf den KLIMAtours Führungen “zu nachhaltigen Wolkenkratzern, „grünen“ Bürogebäuden, Passivhäusern und klimafreundlichen Energieversorgungs-einrichtungen.” (Luminale 2012 Programmheft, S.3)
Strangebrew, so heißt die neue EP des Bay Area-Beatbastlers Devonwho, die am 3. April bei All City erscheinen wird und auch im Video zum Titeltrack gährt es eigenartig vor sich hin. Donovan Delaney unterlegt den verträumten Sunshine-Boogie-Beat mit einem dichten Glitch-Morph-Video, das im ruhigen Tempo und mit pastosem Strich Pixelschicht für Pixelschicht aufträgt. Stadtlandschaften lösen sich in abstrakte Farbflickenteppiche auf, aus denen sich flüchtige Gesichter herausmorphen, um sich sogleich wieder aufzulösen. Song und Video strotzen vor digitaler Patina und sind doch gleichzeitig so herrlich frisch. It’s springtime!
In der kommenden Woche lädt die Universität Frankfurt zur internationalen Derrida-Konferenz. Drei Tage lang widmen sich TheoretikerInnen aus aller Welt dem Erbe des französischen Dekonstruktivisten, darunter auch Geoffrey Bennington, Anselm Haverkamp und Alexander García Düttmann. Für die Keynote am 14.03. konnte sogar Jean-Luc Nancy gewonnen werden. In den zahlreichen panels zu den Themen Epistemologie, Literatur, Politik, Ethik, Geschichte, Körper, Kunst und Gabe wird den unterschiedlichen Spuren von Derridas Philosophie nachgegangen.
Zwar findet sich kein Vortrag, der sich mit digitalkulturellen Phänomenen auseinandersetzt, doch halte ich Derrida auch in dieser Thematik für einen wichtigen Bezugspunkt und damit den Post für gerechtfertigt. Und wenn schon, ich freue mich auf intensive Theorie-Tage!!
Eine Ausstellung – ein Konzertabend, für mich die perfekte Abrundung einer grandiosen Woche.
Dark Drives. Uneasy Energies in Technological Times:
Der diesjährige Kurrator der transmediale-Ausstellung, Jacob Lillemose, hat mit Dark Drives einen eindrucksvollen Parcours zum Erlebnis technologischer Inkompatibilitäten geschaffen. Unruhige Energien sind wesentlicher Bestandteil aller Technologien und im menschlichen Verhältnis zu ihnen immer am Werk. In diesem Sinne lässt sich die Ausstellung als Irritation verstehen, um die Kraft unruhiger Energien offenzulegen und dem Betrachter ein differenziertes Verhältnis zur technologischen Entwicklung zu ermöglichen.
Schon beim Betreten der Ausstellung wird einem mulmig, denn in einem völlig finsteren Raum begrüßt einen das dronige Wummern der Soundinstallation PROBE des dänischen Soundkünstlers TR Kirstein. Es dringt durch die Haut, durch Mark und Bein, der Körper wird von Bass umhüllt und dadurch spürbar. “Das hier betrifft dich”, scheint die Bassröhre sagen zu wollen und man flüchtet in den nächsten Raum. Doch auch hier ist es dunkel: Wände, Böden, Decke, alles ist schwarz – nur wo es Exponate gibt, scheint gerade genug Licht, um sie zu betrachten. Welcome to the dark side of technology.
Die ersten Stücke können noch mit Augenzwinkern betrachtet werden, wie Sture Johannessons Versuche der 1970er Cannabisblätter durch computergenerierte Zeichnungen darzustellen, JK Kellers Simpsons-Glitch “Realigning My Thoughts On Jasper Johns” oder die Installation feedback #6 des Paidia Institute, zwei kurzgeschlossene Playstation-Konsolen, die sich gegenseitig öffnen und wieder schließen. Doch schnell holt den Betrachter das beklommene Gefühl vom Eingang wieder ein und steigert sich von Exponat zu Exponat. Das Bureau of Inverse Technology präsentierte einen Werbefilm zur Suicide Box, einer Videokamera, die darauf programmiert ist, Selbstmordvorfälle an Brücken zu erfassen. Die sachliche Präsentation der Entwicklungs- und Testphasen steht im krassen Kontrast zum düsteren Soundtrack und der Tatsache, dass das Gerät in den 100 Tagen der ersten Anbringung 17 Ereignisse aufzeichnete.
Von den Umweltaktivisten Jack Caravanos und Vibek Raj Maurya wurde eine Auswahl von flickr-Bildern zum eWaste-Hotspot Ghana und damit die Kehrseite der permanenten Weiterentwicklung gezeigt. Unter widrigsten Umständen werden auf riesigen Schrottplätzen die letzten Edelmetalle aus europäischem Technikmüll herausgebrannt und geätzt. Eine weitere Kehrseite beleuchtete die Dokumentation Web Warriors von Jay Dahl, Edward Peill und Christopher Zimmer. Der Cyberwar stellt für die völlig vernetzte Welt, in der wir leben, eine reale Gefahr dar, auch wenn man das Ausmaß nicht mal annähernd bestimmen kann.
Aber was macht der Computer mit dem konkreten Menschen? Was ist zum Beispiel in Steve Ballmer, CEO des Softwareunternehmens Microsoft, gefahren, als er bei einer Präsentation derartig ausrastet? Die Inkarnation des DotCom-Hypes, fleischgewordene Technikhysterie oder der gewöhnliche Koks-Manager von heute? Auf dem zertrümmerten PC von Eva and Franco Mattes (0100101110101101.ORG) hingegen laufen YouTube-Videos heimlich gefilmter Kinder, die sich wegen gelöschten Accounts, PC-Problemen oder Game-Overs in verstörende Wutausbrüche steigern. Die Spiele üben eine solche Macht auf die jungen und offensichtlich süchtigen User aus, dass sie selbst deren emotionalen Haushalt domninieren. My Generation, so der Name dieser Installtion.
Der norwegische Sound- und Videokünstler Bjørn Erik Haugen schließlich zeigt in der Installation “Interface” auf einem viergeteilten screen das Sichtfeld eines Soldaten in einem Apache-Helikopter. Sein Blick ähnelt dem eines Computerspielers, das Interface abstrahiert die Menschenschicksale und reduziert das Kriegsgeschehen auf den Knopfdruck, der technikvermitteltes Präzisionstöten bedeutet.
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Touch.30/Spire: Organology
Finster und unheimlich ging es auch auf dem Abschlusskonzert der club transmediale in der Passionskirche zu. In Kollaboration mit dem legendären Label Touch Records wurde das zwölfte Konzert der Reihe Spire veranstaltet, worin es um die Erkundung und Zelebrierung der Orgel geht. Für die Organisatoren handelt es sich um eines der bedeutensten und kulturträchtigsten Instrumente in der Geschichte der Musik und sollte gerade heute, als Vorgriff des Synthesizers, erforscht und gehört werden.
Das vierstündige Konzert in vier Akten bot dafür reichlich Gelegenheit. Durch den Abend führte der bekannte, britische Pianist und Organist Charles Matthews, der mit vornehmlich düster-schaurigen Orgelstücken (bspw. von Giacinto Scelsi oder Olivier Messiaen) der Spectral-Thematik des ctm gerecht wurde. Eine ganz besondere Erfahrung war das Stück Paramell III von Stephen Montague, zu dessen Beginn Matthews das Publikum aufforderte, über die Dauer des Stücks zu summen. So wurde man selbst Klangkörper der abstrakten Komposition.
Die einzelnen Akte boten aber auch je einem Solokünstler Raum für seine Musik. Jana Winderen ließ eine dichte und spannungsreiche Field-Recording-Komposition in der Kirche ertönen und dem Hörer unterschiedliche Stufen von Finsternis nachvollziehen. Mit The Eternal Chord wurde das Projekt eines endlosen, gruppenimprovisierten Orgelstücks fortgesetzt: Charles Matthews, Mike Harding, Marcus Davidson & Jon Wozencroft schufen einen extrem dichten Orgelklangkomplex, der sich in jeden Winkel des Gebäudes ausbreitete. Vor allem Hildur Gudnadottír, isländische Cellistin, hat mich umgehauen. Mit ihrem Cello spielte sie zunächst fragmentarische Klänge, doch durch Loops aus dem Laptop und immer gewaltigerem Cellospiel wuchs diese zu einer vielschichtigen, leicht träumerischen Klangwelt an. Den Abschluss machte Eleh – das anonyme Bass-Projekt aus dem Hause Touch. Gewohnt minimalistisch walzte der Bass durch die Kirche und kam einer akkustischen Raumvermessung gleich. Nun wurde noch Arvo Pärts Pari Intervallo gespielt und ein gelungener Abend ging zu Ende. Und damit ein fantastisches Festival… Danke!
Satellite Stories: Parallel Worlds
Reizüberflutet von den letzten Tagen kürzte ich mein Programm für Samstag auf drei panels und begann entspannt im Kino. Unter dem Titel “Parallel Worlds” vereinte das Videoprogramm Satellite Stories Filme, die sich mit der Frage nach dem Tod auseinandersetzen und damit auch eine medienreflexive Qualität haben, ist doch die Aufzeichnung immer darauf angelegt, über den Tod hinauszugehen, ohne selbst Leben zu sein.
Die historische Arbeit dieses panels ist der Film “Mutter, Vater ist tot” des deutschen Videokollektivs RASKIN. Rotraud Pape und Andreas Coerper setzen hier ein Reenactment der Fernsehserie Dallas um und verfahren dabei im Stil von Amateurschauspielern in einer kulissenlosen Studiosituation. Nachgespielt wird ein eigenartiger Dialog der neunten Staffel, wo ein Mann auf der Ranch auftaucht, der behauptet der Vater Jock Ewing zu sein – ein Hauptcharakter der in der vierten Staffel für tot erklärt werden musste, weil der Schauspieler dieser Rolle, Jim Davis, 1981 starb. Ein völlig anderer Schauspieler behauptet nun, nach langer Amnesie infolge eines Unfalls zurückgekehrt zu sein, wobei er wegen seiner schweren Verletzungen nicht nur ein anderes Gesicht, sondern auch eine andere Stimme hat. Die Familie ist von dieser Erscheinung zwiegespalten. Ein solch abstruser Einfall der Drehbuchautoren ist für die Videokünstler aber ein außergewöhnlicher Anlass, über die Realitätseffekte von Film, sowie das Verhältnis von Tod und Gedächtnisfunktion des Mediums zu reflektieren.
Auch die finnische Videokünstlerin Laura Horelli betont in ihrem Video Haukka-Pala diese Qualitäten des Films. Ihre Mutter entwickelte die Kindersendung Haukka Pala, in welcher sie zusammen mit einer Hundehandpuppe den Kindern ein richtiges Verhältnis zu gesunder Ernährung näherzubringen versuchte. Sie starb in der Produktion der dritten Staffel an Krebs, Laura war gerade zehn. Die Videobänder der Serie sind trotz ihrer Künstlichkeit ein wichtiger Bestandteil Lauras Erinnerung an ihre Mutter. So lässt sich der Zusammenschnitt von Szenen der Serie, zu dem Horelli von ihrer Mutter erzählt, als filmische Trauerarbeit verstehen, als unmöglicher Versuch, die Grenze zum Jenseits zu überbrücken.
Die britische Künstlerin Sophie Kahn geht im Grunde den entgegengesetzen Weg. Mit einem 3D-Laser-Scanner tastet sie Gesichter von lebenden Menschen ab und erstellt so digitale Modelle, die sie in “04302011″ zeigt. Solche Scanner werden normalerweise für unbewegte Objekte verwendet. Bei atmenden Menschen mit sich bewegenden Gesichtszügen entstehen zerklüftete Abdrücke, die an Totenmasken erinnern. Aus den digitalen Modellen fertigt Kahn auch Skulpturen im Verfahren des Rapid Prototyping.
Namensgebend für das panel war der Film der Niederländer Jos de Gruyter und Harald Thys. In Parallel Worlds, einem ironischen Lehrfilm, sprechen die beiden von den verschiedenen Verhältnissen der realen zur parallelen Welt, die über das Medium Film vermittelt sind. So soll in Ingmar Bergmans “Der Ritus” gezeigt werden, wie über ein Ritual, also den Übergang in die Parallelwelt, ein Mensch der realen Welt getötet werden kann. Der Umgang mit Robotern ist ein Beispiel für eine mögliche Kommunikation zwischen beiden Welten. Das Endstadium, die vollständige Überlappung beider Welten, zeigt ein Filmausschnitt über ein Dorf aus arbeitsamen, animatronischen Puppen, wie man sie aus Geisterbahnen oder Disney’s It’s a Small World kennt: Der Tod der Glückseligkeit einer vollständig mechanisierten Kontrollgesellschaft.
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Reza Negarestani: Decay Modernism
Auf den Talk Trash/Streams (Wastelands) im ctm-Programm wurde ich eigentlich wegen des britischen Hauntologen und Musikkritikers Mark Fisher aufmerksam, doch weil dieser verhindert war, konnte sich der iranische Philosoph Reza Negarestani, aus seinem malayischen Exil per Skype zugeschaltet, über die gesamten zwei Stunden des slots ausbreiten. Hinter dem Vortragstitel “Decay Modernism” verbirgt sich eine epistemologische Theorie, die sich wohl auch dem Speculative Realism zuordnen lässt und den Verfall als Grundprinzip erhebt. In einer fragwürdigen Auseinandersetzung mit Aristoteles und mithilfe verwirrender Diagramme sprach Negarestani davon, dass alle Ideen (also alles, was es gibt) Formen sind, die bereits im Verfall begriffen seien. Dadurch jedoch würden neue Fluchtpunkte im epistemischen Horizont gesetzt: Im Verfall extrapolierten sich die Formen in die Zukunft, wodurch neue Formen und Formenverhältnisse entstehen. Dies sei die Bewegung der Kreativität, die sich in der Moderne linear beschleunigt. Anders als in die Hauntologie geht Negarestani davon aus, dass alles bereits tot ist. Mir hingegen ist es unerklärlich, wie in einem solchen Modell Geschichte, aber auch das Ereignis als solches gedacht werden können. Zudem scheint es mir inkohärent Verfall mit Tod gleichzusetzen – denn selbst der Verfall bedarf des Lebens (Erosion, nekrophage Insekten, différance…), aber naja. Vielleicht bin ich bei dieser voraussetzungsreichen Flut von Fach- und Kunstwörtern einfach nicht mitgekommen.
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Tim Hecker: Ravedeath, 1972
Das probate Mittel, den Kopf nach dieser Achterbahnfahrt zu formatieren, gab es zum Glück nur wenige Stationen entfernt. In der Passionskirche performte der kanadische Musiker Tim Hecker sein Album Ravedeath, 1972. Dazu wurde die Kirchenorgel mikrofoniert und mit den digitalen presets auf dem Laptop verknüpft, so dass sich die unterschiedlichen Soundsignale in Feedback-Schleifen koppelten, verstärkten oder auslöschten. Das Spiel zwischen analoger Orgelmusik und elektronischen Klängen begann mit sachten Ambientgeweben, doch plötzlich wuchsen von ganz tief unten massive Dronesäulen, die über die Kirchgänger walzten. Völlig im Dunkeln sitzend, war man der Soundgewalt schonungslos ausgeliefert, die nicht nur das Trommelfell, sondern den gesamten Körper zum vibrieren brachte. Absolut sagenhaft! Nach 50 Minuten reiner Intensität zog ich sprachlos davon – der Frage, wie wohl ein Gottesdienst zu dieser Kirchenmusik aussehen müsste, war ich außerstande nachzugehen.
Der letzte Bericht ist wohl etwas lang geworden, aber es war einfach so viel los! Auch am vierten Tag war das nicht anders – diesmal ziemlich theoriegeladen, da ich vor allem Veranstaltungen der Konferenz in/compatible: aesthetics, publics, systems beigewohnt habe.
Anonymous Codes: Disruption, Virality and the Lulz:
Schon das erste Panel hatte es in sich: Es sprachen der Hacktivist Jacob Appelbaum, die Anthropoligin Gabriella Coleman und Netzwissenschaftlerin Tatiana Bazzichelli über das (Internet-)Phänomen Anonymous. Und nicht nur das: Der IRC-Channel AnonyOps wurde übertragen, wobei auch der Talk als Stream verfügbar war. So konnte Anonymous die ganze Zeit dabei sein, am Ende sogar materialisiert in einer Maske, die per Skype einen Beitrag hielt. Dieser interessanten Konstellation vorangestellt war der Text Aus dem Leben einer Photoshop-Seele der Schriftstellerin Dara Buchzink. Nach dieser poetischen Verarbeitung der Netzanonymität, trug der gejetlagte Appelbaum sein politisches Statement über die Wichtigkeit und Wirksamkeit des Hacktivismus vor. Das Kollektiv Anonymous bürge die Möglichkeit alte Machtstrukturen zu kritisieren und aufzulösen. Dabei wäre es gerade wegen seiner Dezentralität ein Identifikationspunkt für ein gemeinsames Ideal. In Zeiten wie der unseren sei der Hacktivismus und der Infowar eine notwendige Form des Widerstands: “Someone must take action.” Der Beitrag wurde mittlerweile von netzpolitik.org auf YouTube hochgeladen:
Coleman, die schon seit Jahren die Sprechweisen und Praktiken von Anonymous anthropologisch untersucht, sprach über strukturelle Eigenschaften des Phänomens (wie auch in diesem Vortrag). So halten eine bestimmte Form von Humor (For The Lulz!), ein unbestimmtes Verlangen nach (Informations-)Freiheit und ein ganzes Set ikonographischer oder symbolischer Inhalte die anonymen Individuen in einer verbindenden Gruppendynamik zusammen. Auch Coleman betont das Potenzial von Anonymous und sieht hier eine Möglichkeit realisiert, Individualität unabhängig von Eigentum zu denken.
Die Guy Fawkes-Maske ist also zur Projektionsfläche für Hoffnungen geworden und so ist es kein Wunder, dass sie nach Colemans Vortrag angerufen wird. Über Skype natürlich. Der Admin des Channels “AnonyOps” führt mit gefilterter Stimme ebenfalls ein politisches Statement über den laufenden InfoWar und Anonymous’ Kampf für die Wahrheit und Internetfreiheit. Dabei ist die Rhethorik gewohnt kämpferisch. Zumal die Protest-Aktion der polnischen Oppositionspartei “Bewegung zur Unterstützung Palikots” gegen das ACTA-Abkommen auch Grund zum Feiern war.
Eine eigenartige Situation entsteht nach der Plenumsöffnung: Ein Mann fragt die Maske, die über allem schwebt, wie man denn das Mundtotmachen Einzelner vor dem Hintergrund einer No-Censorship-Policy rechtfertigen könne. Im Wegducken vom Mikro fügt er noch leise den Satz hinzu: “Please don’t hack me!” (im Video unten ab 6:30). Dieser kleine Witz verdeutlicht eine der größten Gefahren, oder zumindest Ambivalenzen von Anonymous und ihrer Symbolik, die nicht nur hoffnungstragend, sondern auch furchteinflößend sein kann: Auch im Widerstand können sich zweifelhafte Machtverhältnisse ausbilden. Eine zweite wäre, dass das Spektakuläre den politischen Gehalt überbietet – so wie die Aufmerksamkeit der Zuhörer eher am Gedaddel im IRC-Channel hing, als an den Talks.
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The Incompatible Public is Occupied:
In der Keynote des Tages wurde das zweite große politische Phänomen der Netzwelt behandelt: Die Occupy-Bewegung. Die New Yorker Politologin Jodi Dean hielt unter dem Titel “The Incompatible Public is Occupied” einen ebenso theoretisch argumentierenden, wie feurig politischen Vortrag über das für sie wichtigste politische Ereignis der USA seit den 60er Jahren.
Interessant ist dabei ihre Differenzierung: “Occupy” als Strategie geht mit der aktuellen Form des Kapitalismus durchaus konform. Der von ihr so genannte Communicative Capitalism erhebt die verheißenden Forderungen von kreativem Engagement, Partizipation als Individuum, Pluralität, Mobilität und Vernetzung. Auf all diese Zutaten greift die Strategie “Occupy” ebenfalls mehr oder weniger verheißend zurück. Doch “Occupy” als Symptom führt vor, wo die Versprechungen des Kapitalismus leer bleiben. Die Menschen sind inkompatibel mit einem System, dass nicht mehr nur die Arbeitswelt betrifft, sondern in jeden Bereich der Lebenswelt vorgedrungen ist. Das zeigt sich darin, dass hier öffentliche Plätze besetzt werden, die unter der (unsichtbaren) Hand von der Finanzwelt einverleibt wurden – aber auch in den geteilten Lebensschicksalen der 99%.
Innerhalb dieses symptomatischen Phänomens des Spätkapitalismus, der Belagerung von öffentlichen Plätzen durch Occupy, sieht Dean auch eine neue Umgangsformen sich entwickeln, die von einer Reaktualisierung kommunistischer Lebenspraxis kündet. Deshalb dürfe die Bewegung auch nicht demokratisiert werden, was einer Integration in das System gleichkäme. Dass es ihr Ernst ist, wird auch im Gespräch mit Moderator Krystian Wozniki deutlich. Auf seine zaghafte Frage, ob es bei der Konzeption 99% vs. 1% denn auch Raum für Grauzonen gäbe, antwortet sie knallhart: Nein. Im Kapitalismus, wie wir ihn jetzt haben, gibt es ein klares Schwarz und Weiß, und wir sind die 99%. (Die Vorlesung als Text hier)
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Mario de Vega – Thermal:
Nach soviel politischen Reden war nun etwas Action fällig. Mario de Vega, der schon am Vortag bei der Glitch Performance beteiligt gewesen war, führte die Performance “Thermal” durch. Vier ferngesteuerte Mikrowellen standen auf auf einem riesigen Lautsprecher, alles verbunden mit seinem Konvolut an Filtern. Ein dumpfer Noise-Bass wurde über Rückkopplungen erzeugt, dann packten sie die Flyer der transmediale in die Mikrowellen und die elektromagnetischen Wellen ergaben drastische Störgeräusche. Doch beschichtete Flyer & Mikrowellen sind in/compatible, denn es begann zu rauchen, die Mikrowellen stürzten von ihrem Lautsprecherpodest und ein aufgeregter Techniker zog den Stecker. Killer!
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Oneohtrix Point Never & Joshua Light Show
Und dann der reizüberflutende Ausklang des Abends. Der Experimental-Musiker Oneohtrix Point Never riss seine dronigen Ambient-Spuren runter, während die Leinwand des Auditoriums von der legendären Joshua Light Show bespielt wurde. Sowohl musikalisch als auch visuell ein Fest für mich, da ich bei über 80% der Eindrücke nicht die leiseste Ahnung habe, wie sie zustandegekommen sein könnten. Ich kann keine Worte verlieren, die ich nicht habe und so schließe ich mit einem kurzen Blick hinter die Kulissen von The Joshua Light Show, die zudem 100% analog arbeiten!