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Cyberfest Berlin 2013 @ The Wye & Platoon

9. December 2013 · Comments Off on Cyberfest Berlin 2013 @ The Wye & Platoon

Geste und Räumlichkeit digitaler Kunst…

17. November 2013, es ist 12 Uhr, Sonntag mittag und noch etwas verschlafen kommen die Gäste zum letzten des fünftägigen Cyberfests im The Wye zusammen, um der panel discussion mit Marcu Mancuso (Digicult), Tatiana Bazzichelli (Transmediale), Anna Frants (Cyland), Chatzistefanou Panagiotis (Nakedbutsafe), Mark Poggia (Sensanostra) und Vanina Aracino (ikono) zu folgen. Kein Wunder, ein reichhaltiges Programm aus Ausstellungen, Konzerten, Video screenings und workshops findet heute den Abschluss. Und was sollen die Redner*innen jetzt noch auf die Frage, was digital media art sei, antworten? Vielleicht reicht es auch, wie Mancuso festzustellen, dass durch die digital art-Szene der Kunstdiskurs aufgebrochen wurde: Die Künstler*innen haben oftmals keinen klassischen Kunstkontext, sondern sind passionierte Bastler*innen, im Postiven dilettantische Kreative, die mit neuen Ausdrucksformen experimentieren. Technologieaffinität war dabei der Auslöser Kunst zu betreiben, doch mittlerweile geht es mehr um die Geste selbst, die einer institutionalisierten Kunstwelt etwas entgegensetzt. DIY spirit und Vernetzung machen es möglich, Zeitschriften, Ausstellungen und Festivals zu organisieren und dabei die Grenzen von Kunst, Kritik und Wissenschaft verschwimmen zu lassen. So kommt es bei digital art also längst nicht mehr darauf an, dass ein Kunstwerk eine WiFi-Verbindung aufweist.

Das zeigt vor allem die Ausstellung “Capital of Nowhere”, deren Exponate sich ganz unterschiedlich mit der Frage der Umgebung auseinandersetzen, die heutzutage, anders als noch vor 100 Jahren, in einem kontinuierlichen Wandel begriffen scheint. So wirken die schwarzen Würfel-Roboter “Om” von Andrii Linik, die sich piepend durch die Ausstellung bewegen, seltsam verloren und schutzbedürftig, bietet doch die black box die größte Projektionsfläche für die eigene Orientierungslosigkeit. Auch ein Baby muss sich wohl so fühlen, dessen Perspektive uns Ludmila Belova in ihrem Video “The Compelled Foreshortening” näherbringt. Dazu hat sie eine Videokamera in einem Kinderwagen drapiert und eröffnet damit einen neuen Betrachtungswinkel auf den urbanen Raum. Pavel Ivanov und Alexey Grachev haben mit “Debris” den sogenannten Tschechenigel, eine aus Stahl oder Beton gefertigte Panzersperre, in schlichte Leuchtröhren übersetzt, die als Design-Objekte den Raum erleuchten. Diese Verschiebung löst die Form von ihrem kriegerischen Zweck, wodurch sie gleichermaßen befreit wird und doch Fragen der Erinnerung aufwirft.

Medienspezifische Erinnerung betreiben die Installationen “Made in Ancient Greece” und “Movie Mincer”. Auf einer klassisch-griechischen Amphore projiziert Anna Frants mit Minibeamern animierte Figuren und bricht mit der Museumserfahrung dieser traditionellen Bildträger. Sergey Teterin hingegen hat einen Fleischwolf an einen Beamer angeschlossen, mit dem Georges Méliès’ Voyage dans la Lune wie mit einem alten Projektor abgespielt werden kann. Diese Kinoerfahrung kann offensichtlich nur noch als Illusion in der Gallerie bestehen.

Drastisch und pessimistisch ist hingegen die Bewertung des modernen Menschen von Elena Gubanova und Ivan Govorkov. In “Yesterday, Today, Tomorrow” blicken wir auf drei identische, graue Männerbüsten, denen jeweils eine Plastiktüte übergezogen ist. Mit aufgerissenen Augen ist das Gesicht zum stummen Schrei gefroren, doch ein zaghaftes Atmen wird regelmäßig an der Tüte sichtbar. Möge sich dieser trotz der uns umgebenden unsichtbaren Repression zu einem Hurricane auswachsen, der wie “Tanya” in Petr Shvetsov‘s Installation seine schiere Kraft entlädt und das starre Raster identischer Kacheln zum Bersten bringt. Auch wenn der Künstler hier jede Scherbe minutiös arrangiert hat, entsteht im Betrachten der Eindruck eines unmittelbaren Ausbruchs, der mit dem Stillstand der Installation in Spannung steht. Eine Ästhetik der Potentialität bannt den Blick.

Der passende Soundtrack, der aus den Rissen dieser Wand klingen könnte, lief schon am Freitag in der Platoon Kunsthalle. KETEV, ein Projekt des Soundkünstlers Yair Elazar Glotman, dröhnt mit abgründigen Klängen durch die Containerhalle. Mystisch und finster, dabei jedoch präzise erhebt sich eine ganz eigene Spannung von absoluter Gegenwärtigkeit und entrückter Theatralität. Zuvor hatte unter anderem Yoshio Machida gespielt. Der Experimentalmusiker, der vor allem wegen seiner Steel-Drum-Performances bekannt ist, bot im Platoon ein reines Synthi-Konzert. Mit seinem EMS SYNTHI AKS modulierte er abstrakte Klänge und sich transformierende Loops. Per Beamer konnte die Feinarbeit dieser technischen Improvisation mitverfolgt werden, sonst hätten einen die Klänge vielleicht zu weit weg getragen.

Es gäbe noch einiges zu sagen zu den anderen Auftritten, zu den Workshops, den sorgfältig kurratierten Klang-Installationen und Filmen. Doch schon jetzt dürfte deutlich geworden sein, dass das 2007 in St. Petersburg gegründete Festival für Medienkunst bei seinem ersten Gastspiel in Berlin ein komplexes, reichhaltiges Programm geboten hat, und das hoffentlich nicht zum letzten Mal!

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DIY Kindle Scanner

25. September 2013 · Comments Off on DIY Kindle Scanner

Free the text…

Im April 2002 rechtfertigte sich Jeff Bezos, Gründer und CEO von Amazon, in einem offenen Brief an die amerikanische Author’s Guild für das Geschäftsmodell von Amazon und insbesondere für die Integration des Second Hand-Buchhandels auf Marketplace. Seine Argumentation ist so schlicht wie einleuchtend:

[…] when someone buys a book, they are also buying the right to resell that book, to loan it out, or to even give it away if they want. Everyone understands this.1

Wenig ist übriggeblieben von diesem Prinzip im heutigen Geschäft mit DRM-gesicherten eBooks für die proprietären Kindle-Geräte. Bei Amazon gekaufte eBooks können nicht weiterverkauft oder gar getauscht werden, sie sind lediglich mit dem eigenen Account abrufbar – und zudem ist das Erwerben nur mit dem Kindle-Gerät möglich et vice versa. Darüber hinaus verwendet Amazon sogar sein eigenes Datenformat.

Auf diesen Umstand möchte Peter Purgathofer, Design-Professor an der TU Wien, mit seinem DIY Kindle Scanner aufmerksam machen. Mit Lego Mindstorms baute er ein Gerät, das automatisiert die Seiten eines Amazon-eBooks abfotografiert und diese Bilder mit einer OCR-Software in Text verwandelt.

Es wäre interessant zu sehen, wie die tatsächlichen Ergebnisse dieses Kopiervorgangs aussehen. Dennoch stellt das Projekt wichtige Fragen: Wie können so selbstverständliche und durch das Recht gesicherte Tätigkeiten wie das private Kopieren von Büchern durchgeführt werden, wenn die Inhalte in proprietären Datenformaten und Hardware-Gefängnissen eingekapselt sind? Wem gehören die Geräte, die Dateien und die Inhalte, und in welchem Umfang? Wie weit reicht das Urheberrecht? Und was steckt hinter der Kehrtwende Amazons in Bezug auf die ehemalige Rechtfertigungsstrategie? Andererseits wäre Bezos nicht der erste CEO, der sich in dieser Hinsicht um 180° dreht, wenn es das Geschäftsmodell verlangt.

Zum Abschluss sei noch auf die Gespräche hingewiesen, die Purgathofer mit Expert*innen zu Themen der Gesellschaftlichen Spannungsfelder der Informatik als Podcast parallel zu seiner gleichnamigen Vorlesung veröffentlicht.

via|Knjigarna

  1. Jeff Bezos’ open letter on used book sales, veröffentlicht Apr. 15, 2002, http://www.oreillynet.com/pub/wlg/1291 []

Comments Off on DIY Kindle ScannerTags: Medienkunst · Netzpolitik · Technologie

reSource 006: Overflow

19. September 2013 · Comments Off on reSource 006: Overflow

“Nach mir die Sintflut!”1 oder gar mittendrin?

Während “Big Data” als neues Heilsversprechen durch die Tech-Branche buzzt und Geheimdienste Exabytes an Daten abgreifen, sind einzelne user*innen überfordert vom Angebot digitaler Information und gleichermaßen unterinformiert über die Daten, die sie selbst hinterlassen. Diesem Spannungsfeld näherte sich die sechste Ausgabe von reSource, dem Berliner Künstler- und Aktivist*innen-Netzwerk um die transmediale, in Gesprächen, künstlerischen Interventionen und workshops verteilt über drei Tage (12.-14. September 2013, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien). Selbst von dem reichhaltigen Angebot etwas überfordert, hatte ich immerhin Zeit, zwei spannenden panels zu folgen.

Ludic Overload – Ludic Overkill, 13. September 2013
“Gamification”, auch das ist so ein buzzword, das sich durch viele Branchen zieht und stets positiv besetzt ist. Wer könnte auch etwas gegen das Spielen haben? Ob im Marketing, Business, in NGOs oder dem Militär – überall werden spielerisch Strategien oder strategische Spiele zur Problemlösung und Produktplatzierung entwickelt. Dabei kommt solchen Spielen zunehmend eine regulierende Funktion normativer soft power zu, die Einfluss auf Gesellschaft und Individuum hat.
So erklärt Daphne Dragona, Kuratorin für Medienkunst und derzeit Gastforscherin im Post Media Lab der Lüneburger Leuphana Universität, wie Spiele es Unternehmen erleichtern, Daten von Usern zu erheben oder diese zur Nutzung anzureizen. Was ist die Freundeanzahl anderes als ein Spielstand? “Datafication” funktioniert also am besten, wenn es sich in ein harmloses Game-Gewand kleidet, was mindestens seit Foursquare offensichtlich sein sollte. Andererseits zeigt Dragona, dass künstlerische Positionen in einem spielerischen Umgang mit Mechanismen des Web 2.0 solche Prozesse offenlegen können. So hat beispielsweise der Spieleentwickler Ian Bogost das Spiel “Cow Clicker” entwickelt, dessen einziges Spielelement aus dem Anklicken einer Kuh-Grafik bestand, was im Groben die Spielmechanik von Spielen wie Farmville zusammenfasst. Während der Tobias Leingruber mit seiner Facebook-ID card durch Überidentifikation den Status des Netzwerkprofils hinterfragt, versucht der Facebook Demetricator von Ben Grosser die Anreizsysteme von Facebook zu entwerten. Als Verweigerungsstrategie kann man auch den anonymen Internet-Nonsense Marke 4chan begreifen, der sich als Nonsense jeder kapitalistischen Nutzung entzieht.

Julien Oliver, Ingenieur und Künstler, sowie Mitverfasser des Critical Engineering Manifesto, versteht unter gamification eine neue, meist technisch vermittelte Weise, Regeln und Verhaltensweisen in der Gesellschaft einzuüben. Das Problem jedoch an heutiger Technik ist, dass sie ihren Funktionsaufbau hinter einer schönen Oberfläche verbirgt und user*innen als designte black box gegenübertritt. Dieses Missverhältnis versucht Oliver in seinen künstlerischen Projekten offenzulegen. Die Transparency Grenade beispielsweise, ein Computer mit WiFi-Antenne in einem transparenten Granatengehäuse, scannt bei “Zündung” den umliegenden Netzwerkverkehr und überträgt ihn auf einen Server. Hier wird das data mining der Geheimdienste als kriegerischer Angriff auf die Persönlichkeitsrechte inszeniert und zugleich die mangelnde Transparenz der Technik wie der Regierungen betont. Auch die Werke Flamer, ein Maschinengewehr-USB-Stick mit dem Trojaner Flamer.a; und No Network, ein WiFi-Netzstörgerät in Form eines Panzers, arbeiten sich an der Metapher des “cyber warfare” ab. Große Aufmerksamkeit hatte 2011 das zusammen mit Daniil Vasiliev entwickelte Gerät “Newstweek” erhalten. Mit einem als Netzstecker getarnten Computer wurden Signale aus WiFi-Netzen gefischt und umgeleitet, sodass die Schlagzeilen von Online-Zeitschriften in Echtzeit manipuliert werden und zurück an die nichtsahnenden user*innen gesendet werden konnten. Dies zeigt, das wir die vielen Vermittlungsschritte, die zwischen dem Bild auf dem Display und der Quelle liegen unhinterfragt lassen, und mögliche Instabilitäten im Alltag gar nicht einsehen können.

*

Mining the Image, 14. September 2013
In seinem reichhaltigen Artikel “Human Resolution“, der im April im Mute Magazine erschienen ist, hat sich der Künstler Harry Sanderson mit den kapitalistischen Prozessen, die digitale Bildproduktion ermöglichen, beschäftigt. Er spannt dabei den Bogen von chinesischen Ausbeuterbetrieben wie Foxconn, in denen Arbeiter*innen unter furchtbaren Bedingungen die Geräte zur Bildproduktion herstellen, über energieintensive Renderfarmen, in denen tausende “Slave”-Computer die Renderbefehle des “Master”-Computers ausführen, bishin zu den chinesischen Goldfarmer*innen in World of Warcraft, die 12 Stunden am Tag digitale Monster umhauen, um digitales Gold zu sammeln, das sie für ein paar echte Dollar an westliche Spieler*innen verkaufen. Auch hier besteht das Problem darin, dass einem digitalen Bild oder Video nicht anzusehen ist, wieviel Menschen, Energie und Rohstoffe für seine Produktion notwendig waren. Dies möchte Sanderson in seinem neuen Kunstprojekt [Unified Fabric], einer zugänglichen Renderfarm, erfahrbar machen, die im Oktober im Arcadia Missa in London ausgestellt werden wird.

Auch die Kulturwissenschaftlerin Vera Tollmann, die lange in China gearbeitet hat, betont die Diskrepanz zwischen schöner Erscheinung und ihrer Herstellung, die beim digitalen Bild soviel größer ist als beim analogen. Der High Definition-Fetisch ist untrennbar mit der energieintensiven Produktionsweise des Spätkapitalismus verbunden. So verbraucht ein gigantischer HD-LED-Display auf dem Tian’anmen-Platz in Beijing, der die Schönheiten des Landes im Stil der Tourismus-Werbung präsentiert, jährlich über eine Million Yuan an Energiekosten. In “Human Resolution” macht Sanderson an einem Zitat von Jonathan Watts, der im Guardian über das jährliche Arirang Festival, dem Massengymnastikspektakel Nordkoreas berichtet, deutlich, wie im digitalen Bild die Arbeit verdeckt wird.

“It is an awesome product of political control and economic weakness. Starved of energy, and economically retarded, the only resource North Korea has in abundance is its people – and they are often employed in places where richer countries would use electricity.”2

Statt den Artist*innen aus Pjöngjang, die im Akkord bunte Tafeln hochhalten, um großflächige bewegte Propaganda-Bilder herzustellen, läuft am Tian’anmen-Platz ein Film über die LEDs. Diese jedoch sind ebenfalls von Arbeiter*innen in Shenzhen im Akkord hergestellt! In diesem Sinne ist auch die Performance “Consumption” von Li Liao interessant, auf die Tollmann hinweist. Der Künstler arbeitete 45 Tage bei Foxconn, um sich von dem erhaltenen Lohn ein iPAD zu kaufen, das dann später samt Arbeitsoverall und Firmenausweis ausgestellt wurde.

Künstlerische Strategien sind also in der Lage, die hinter interfaces, apps und Netzwerken versteckte Mechanismen offenzulegen, um dem massiven Overflow unserer Zeit, der alles und jeden mit sich zu reißen scheint, eine Spur von Reflexivität zu verleihen.

  1. “Après moi le déluge! [Nach mir die Sintflut!] ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation.” – Karl Marx: Das Kapital. Band I., Abt. III., 8., 5., MEW 23, S. 285 []
  2. Jonathan Watts, ‘Welcome to the strangest show on earth’,The Guardian. 1 October 2005, http://www.guardian.co.uk/world/2005/oct/01/northkorea []

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Stop watching us!

20. July 2013 · Comments Off on Stop watching us!

Versteckspiel ist auch keine Lösung…

Auf dem 15. netzpolitischen Abend der Digitalen Gesellschaft in Berlin sprach Internetaktivist Jacob Applebaum über die Macht und Machenschaften der NSA, und die Möglichkeiten, der Datensammelwut Einhalt zu gebieten. Er schien selbst einigermaßen entmutigt, ob der damals (2. Juli 2013) noch brandaktuellen Enthüllungen über die Dimensionen der Datenspeicherung und der Ablehnung des Asylantrags Snowdens in Deutschland, das er gerade erst in der Hoffnung bereist hatte, hier in einem weniger restriktiven Klima leben zu können. Auch agitierende Sprüche wie

I can’t really imagine another city anywhere in the world and people other than you that are gonna be able to help turn this around in Germany right now, especially in Berlin.

irgendwie von Resignation überzogen. Dennoch gab seine Diagnose der Situation ein differenziertes Bild der Überwachungsproblematik. Hierbei geht es nicht nur um die Verletzung der Privatsphäre, viel gravierender scheint die Macht der Geheimdienste, entlang der Meta- und Kontaktdaten des Einzelnen über diesen bestimmte Narrationen zu verfassen – wahr oder unwahr – und diese im Ernstfall zu kriminalisieren.

Sein Konzept der Verteidigung gegen staatliche Aushölung der Bürgerrechte durch Komplettüberwachung war vor allem ein technisches und speist sich aus seiner Mitarbeit am Tor-Projekt. Die Antwort also ist: Kryptographie. Verschlüsseln der eMails, anonymes Surfen und Telefonieren, Entwicklung und Nutzung anderer, verschlüsselter Kommunikationskanäle. Denn die Bereitschaft der User, ihre Daten überall und vor allem großen Unternehmen gegenüber preiszugeben ist einer der Eckpfeiler der aktuellen Überwachung. Es sei nun an der Zeit, von meinem jeweiligen Gegenüber zu verlangen, “safe” zu kommunizieren – ebenso wie es selbstverständlich(er) geworden ist, auf safer sex zu bestehen (Applebaum selbst betont korrekt, dass seine Aids-Metaphorik mindestens problematisch ist).

*

“This is going to buy you time” – ja, aber um welchen Preis und wieviel Zeit? Soll nun jeder User – von denen viele nicht mal Office-Software routiniert und ausschöpfend benutzen können – sich mit kryptographischen Methoden auseinandersetzen, nur damit das nächste NSA-Programm auch diese knacken kann? Was machen wir mit unseren Telefonen, Briefen und Handys? Wie subversiv kann ein Vorschlag sein, der im Grunde dem Programm des konservativen Innenministers Friedrich entspricht, jeder sei für seine Daten selbst verantwortlich? Drückt sich nicht hier wie dort eine gefährliche Entpolitisierung aus, die die Krise der politischen Institutionen auf den Bürger outsourcen möchte? Für whistleblower, Journalist*innen und Hacker wird Kryptographie wohl unerlässlich sein. Für die Gesamtheit der Bürger jedoch, kann es kaum der richtige Weg sein, sich hinter technischen Lösungen zu verstecken – im Gegenteil, hier stünde es eher an, für politische Lösungen auf die Straße zu gehen und den Schutz der Grundrechte in aller Öffentlichkeit einzuklagen. Eine verborgene Gesellschaft scheint ebensowenig wünschenswert wie eine überwachte.

Oder wie es Sascha Lobo in Reaktion auf Herrn Friedrichs Kapitulationserklärung im ARD Morgenmagazin sagte: “Kein Bürger muss verschlüsseln, nur damit seine Grundrechte gewahrt bleiben.” Zeit also, die Politik an ihre Verantwortung zur erinnern.

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ReSource 005: The Medium of Treason: The Bradley Manning Case

31. May 2013 · Comments Off on ReSource 005: The Medium of Treason: The Bradley Manning Case

Agency or Misconduct in a Digital Society?

In einer Podiumsdiskussion am 5. Mai 2013 haben Mediaaktivistin Diani Barreto und transmediale-Kurratorin Tatiana Bazzichelli im Vorfeld der re:publica an den US-Soldaten und Geheimdienstanalytiker Bradley Manning erinnert, dem whistleblower, der Wikileaks das “Collateral Murder“-Video und 260.000 Diplomaten-Depeschen zugespielt hatte. Im Mai 2010 wurde er wegen Verstöße gegen den Espionage Act festgenommen und muss sich nach langer und zum Teil grausamer Haft seit Anfang diesen Jahres vor Gericht behaupten. Angeklagt ist Manning in 22 Punkten, von denen er in den Voranhörungen 10 Punkte in einem Schuldbekenntnis anerkannt hat. Der Prozess “United States v. Bradley Manning” wird am 3. Juni beginnen.
Der Fall ist zugleich polarisierend und symbolträchtig, bahnbrechend und symptomatisch, und hat neben des persönlichen Schicksals Bradley Mannings viele Bedeutungsschichten, die mit involvierten Gästen rekapituliert werden sollten.

Eingeladen waren Birgitta Jónsdóttir, die isländische Politikerin und Vorsitzende der Piratenpartei, die an der Veröffentlichung von Collateral Murder beteiligt war; der investigative Journalist John Goetz, der gerade für den NDR im Hauptstadtstudio der ARD und die Süddeutsche Zeitung tätig ist und 2010/2011 auch im den Fall Bradley Mannings recherchierte; sowie Andy Müller Maguhn, Mitglied der Wau Holland Stiftung, die sich für Informationsfreiheit einsetzen und die Spenden für Wikileaks verwalten.

Während in den Meinungen der breiten Öffentlichkeit Bradley Manning gleichermaßen als Kandidat für den Friedensnobelpreis wie für die Todesstrafe gehandelt wird, dürfte es innerhalb dieses kleinen Kreises der ReSource-Veranstaltung kein Zweifel bestanden haben, dass mit der Veröffentlichung der Dokumente, die die Kriegsverbrechen der amerikanischen Armee im Nahen Osten belegen, eine historische Tat vollbracht wurde. Wenn im Namen der Bürger*innen und der Demokratie Kriege geführt werden, dann haben diese ein Recht auf Information, ganz besonders über die Kriegsverbrechen ihrer Regierungen. Unstrittig war an diesem Abend auch, dass die harschen Haftbedingungen Bradley Mannings, besonders während seiner neunmonatigen Isolationshaft in Quantico, gegen Menschenrechtskonventionen verstoßen haben, wie u.a. auch Amnesty International und Avaaz. Dass eine demokratische Regierung derart wider ihrer eigenen Prinzipien handelt, zeigt, wie sehr die Informationsweitergabe ins Machtzentrum getroffen hat, und ähnlich wie bei der überzogenen Haftstrafe für Aaron Swartz, wie machtlos sie an dieser Stelle ist.

Kontrovers wurde es in der Runde eigentlich nur in der Frage nach der Rolle der Medien in diesem Fall. Ausgerechnet Investigativjournalist John Goetz wurde von der Runde, aber auch von einigen Zuschauern als Professioneller stellvertretend gescholten für die Arbeit der “sogenannten Mainstream-Medien”. Dabei waren seine Insider-Kommentare wertvolle Korrektive in der Generalkritik an “den Medien”. Es steht außer Frage, dass besonders die Fokussierung einiger US-Medien auf den Gossip persönlicher Details Mannings den historischen Gehalt des Falls vollkommen verpasst hat. Auch ist es richtig, dass das Thema nach dem Haftskandal schon lange keine Schlagzeile mehr gemacht hat. Aber es wäre fatal, anzunehmen, das Thema sei von allen Zeitungen totgeschwiegen worden. Dass bspw. der Spiegel ein Jahr lang eine Sondergruppe um dieses Thema versammelt hat, wie Goetz berichtet, ist eines der vielen zeit- und geldaufwendigen Prozesse des professionellen Journalismus, die den Lesenden meist nicht bekannt sind. Das verleitet allzu leicht zu dem Gedanken, dass dort gar nichts geschieht. Die Crux liegt wohl in dem gleichzeitigen Verlangen nach tiefgreifender Analyse und kostenlosem Informationsangebot.

Zudem könnte man zurecht behaupten, dass es lange Zeit keine “News” im Falle Bradley Mannings gab. Ganz im Gegenteil, das politische Desaster ist offenkundig und unverändert. Hier reicht es wohl nicht mehr zu berichten, es muss etwas getan werden. Anstatt einer slippery-slope-Diskussion über “die Mainstream-Medien” ist also eher der Gang in die Politik oder auf die Straße gefragt. Ein vielversprechender Weg ist Birgitta Jónsdóttirs Anliegen, die mit IMMI neue Rechte des Datenschutzes und der Informationsfreiheit zu etablieren sucht. Ein anderer die weltweiten Protestmärsche der Free-Manning-Bewegung am 1. Juni, um 15h00 auch in Berlin am Brandenburger Tor.

further reading
Timeline im Fall Bradley Manning
Bradley Manning Statement
Manning-Lamo Chat Logs
Glenn Greenwald: Kollektives Versagen
OPEN: Outlaws and Pioneers of the Electronic Frontier (Doku)

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Postdigital ist besser* @ designtransfer, UDK Berlin

14. May 2013 · Comments Off on Postdigital ist besser* @ designtransfer, UDK Berlin

Der QR-Code als Portal…

Studierende der Visual Communication an der UDK Berlin haben vom 23. bis 26. April 2013 in der hauseigenen Galerie designtransfer Arbeiten unter dem Motto “Postdigital ist besser” ausgestellt. Im Wintersemester 2012/13 haben sie die Unterschiede zwischen analogen und digitalen Medien erarbeitet, und in ihren Projekten Interaktionsmöglichkeiten und Transformationsprozesse ausgelotet.

Dabei sind einige sehr interessante Arbeiten entstanden, die die Selbstverständlichkeiten neuer Medien mit denen vergessener konfrontieren lassen. So setzte sich bspw. Giulia Schelm mit einer alten Schreibmaschine in ein Café, in dem die digital bohème ihren mobilen lifestyle pflegt, und hämmerte ihre Beobachtungen aufs Papier. Dass sich heute keiner mehr wundert, wenn Menschen in Cafés nicht mehr mit dem Gegenüber sondern per Skype mit Kollegen aus Übersee kommunizieren, Mails schreiben oder Projekte mindmappen, ist ein deutliches Zeichen für die ubiquitäre Verbreitung digitaler devices. Kaum eine Tätigkeit wird nicht auch irgendwie digital vermittelt, wodurch die Computer in der Alltäglichkeit unsichtbar werden. Diesen Umstand versucht der Begriff “postdigital” zu beschreiben:

“Like air and drinking water, being digital will be noticed only by its absence, not its presence. […] Computers as we know them today will a) be boring, and b) disappear into things that are first and foremost something else” Nicholas Negroponte – Beyond Digital

Mit dem Alltäglichwerden des einen Mediums, werden alte Medien plötzlich sicht- und transformierbar, bieten neue Möglichkeiten des Einsatzes. In der Ausstellung der UDK-Studierenden fällt auf, dass es vor allem das Buch ist, das seine Selbstverständlichkeit verloren und gerade deswegen den Reiz zum Experimentieren zurückerlangt hat.

Felix Schröder überdruckt den Reclam-Band von Kafkas Die Verwandlung mit einer Kurzfassung und stellt damit dessen unbeschreibliche Literatur unter das zeitgenössische Tweet-Key-Information-Diktat; Idan Sher remixed Luis Borges’ Book of Sand, indem er alle Wörter alphabetisch sortiert; und Ana Halina Ringleb klebt ein Buch über Goethe zu, sodass es sich nicht mehr öffnen lässt. Der Titel “Ein Lesebuch für unsere Zeit” zeigt an, dass das Buch ausgedient zu haben scheint. Stattdessen kann man wie Marius Förster Umberto Ecos This is not the end of the book einfach auch zusammengoogeln und erhält einen aus Rezensionen extrahierten Diskursabdruck des Textes.

Andere versuchen sich daran, das Buch weiterzuentwickeln. Besonders spannend ist Denis Yilmaz “Neuveröffentlichung” des Märchens Vom Fischer und seiner Frau auf Kontoauszügen. Die Geschichte wird im Verwendungszweck von 1-Euro-Überweisungen erzählt, sodass am Ende der Geschichte über Gier und Maßlosigkeit ein Betrag von 125,00 zusammenkommt, und natürlich abgebucht wird. Martin Wecke hingegen stellt mit C.O.P.Y. Fragen an das Urheberrecht, indem er ein Buch entwirft, das erst nach dem Kopieren leserlich wird. Augenfällig ist auch das mehrfache Auftauchen von QR-Codes (bei den Arbeiten von Alina Rudya, Vincent Tollens und Vera Kellner), die das Buch zur Linksammlung verwandeln und den Inhalt in die cloud verlegen. In der Diskussion am Tag der Vernissage spricht Danny Aldred, Designer mit dem Schwerpunkt Buchgestaltung, auch vom QR-Code als einem Portal zwischen digitaler und analoger Sphäre. Andererseits ließe sich dies auch anders beschreiben: Während früher die Hürde für das Lesen von Büchern die Fähigkeit des Lesens selbst war, ist es nun zusätzlich der Besitz eines Smartphones. Selbst die Problematik der Alphabetisierung, oder des information access scheint sich also auf die Ebene der devices verlagert zu haben.

Postdigital ist besser – diese Wertung wird noch zu überprüfen sein, aber zumindest geben die auf dieser Ausstellung versammelten Arbeiten Grund zum Nachdenken über den gegenwärtigen Status des Digitalen, das, so Siegfried Zielinski im talk, offensichtlich in eine Krise geraten ist. Einerseits ist es inflationär verbreitet, andererseits zeigt sich, dass die Versprechen der digitalen Revolution selten eingelöst wurden. Zeit also in kritische Revision zu gehen.

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