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@ (club) transmediale 2k+12 //Berlin 03.02.12

February 27th, 2012 by L'auteur · Keine Kommentare

#4: Anonymous, Occupy, Microwaves & Psychedelia…

Der letzte Bericht ist wohl etwas lang geworden, aber es war einfach so viel los! Auch am vierten Tag war das nicht anders – diesmal ziemlich theoriegeladen, da ich vor allem Veranstaltungen der Konferenz in/compatible: aesthetics, publics, systems beigewohnt habe.

Anonymous Codes: Disruption, Virality and the Lulz:
Schon das erste Panel hatte es in sich: Es sprachen der Hacktivist Jacob Appelbaum, die Anthropoligin Gabriella Coleman und Netzwissenschaftlerin Tatiana Bazzichelli über das (Internet-)Phänomen Anonymous. Und nicht nur das: Der IRC-Channel AnonyOps wurde übertragen, wobei auch der Talk als Stream verfügbar war. So konnte Anonymous die ganze Zeit dabei sein, am Ende sogar materialisiert in einer Maske, die per Skype einen Beitrag hielt. Dieser interessanten Konstellation vorangestellt war der Text Aus dem Leben einer Photoshop-Seele der Schriftstellerin Dara Buchzink. Nach dieser poetischen Verarbeitung der Netzanonymität, trug der gejetlagte Appelbaum sein politisches Statement über die Wichtigkeit und Wirksamkeit des Hacktivismus vor. Das Kollektiv Anonymous bürge die Möglichkeit alte Machtstrukturen zu kritisieren und aufzulösen. Dabei wäre es gerade wegen seiner Dezentralität ein Identifikationspunkt für ein gemeinsames Ideal. In Zeiten wie der unseren sei der Hacktivismus und der Infowar eine notwendige Form des Widerstands: “Someone must take action.” Der Beitrag wurde mittlerweile von netzpolitik.org auf YouTube hochgeladen:

Coleman, die schon seit Jahren die Sprechweisen und Praktiken von Anonymous anthropologisch untersucht, sprach über strukturelle Eigenschaften des Phänomens (wie auch in diesem Vortrag). So halten eine bestimmte Form von Humor (For The Lulz!), ein unbestimmtes Verlangen nach (Informations-)Freiheit und ein ganzes Set ikonographischer oder symbolischer Inhalte die anonymen Individuen in einer verbindenden Gruppendynamik zusammen. Auch Coleman betont das Potenzial von Anonymous und sieht hier eine Möglichkeit realisiert, Individualität unabhängig von Eigentum zu denken.
Die Guy Fawkes-Maske ist also zur Projektionsfläche für Hoffnungen geworden und so ist es kein Wunder, dass sie nach Colemans Vortrag angerufen wird. Über Skype natürlich. Der Admin des Channels “AnonyOps” führt mit gefilterter Stimme ebenfalls ein politisches Statement über den laufenden InfoWar und Anonymous’ Kampf für die Wahrheit und Internetfreiheit. Dabei ist die Rhethorik gewohnt kämpferisch. Zumal die Protest-Aktion der polnischen Oppositionspartei “Bewegung zur Unterstützung Palikots” gegen das ACTA-Abkommen auch Grund zum Feiern war.

Eine eigenartige Situation entsteht nach der Plenumsöffnung: Ein Mann fragt die Maske, die über allem schwebt, wie man denn das Mundtotmachen Einzelner vor dem Hintergrund einer No-Censorship-Policy rechtfertigen könne. Im Wegducken vom Mikro fügt er noch leise den Satz hinzu: “Please don’t hack me!” (im Video unten ab 6:30). Dieser kleine Witz verdeutlicht eine der größten Gefahren, oder zumindest Ambivalenzen von Anonymous und ihrer Symbolik, die nicht nur hoffnungstragend, sondern auch furchteinflößend sein kann: Auch im Widerstand können sich zweifelhafte Machtverhältnisse ausbilden. Eine zweite wäre, dass das Spektakuläre den politischen Gehalt überbietet – so wie die Aufmerksamkeit der Zuhörer eher am Gedaddel im IRC-Channel hing, als an den Talks.

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The Incompatible Public is Occupied:
In der Keynote des Tages wurde das zweite große politische Phänomen der Netzwelt behandelt: Die Occupy-Bewegung. Die New Yorker Politologin Jodi Dean hielt unter dem Titel “The Incompatible Public is Occupied” einen ebenso theoretisch argumentierenden, wie feurig politischen Vortrag über das für sie wichtigste politische Ereignis der USA seit den 60er Jahren.
Interessant ist dabei ihre Differenzierung: “Occupy” als Strategie geht mit der aktuellen Form des Kapitalismus durchaus konform. Der von ihr so genannte Communicative Capitalism erhebt die verheißenden Forderungen von kreativem Engagement, Partizipation als Individuum, Pluralität, Mobilität und Vernetzung. Auf all diese Zutaten greift die Strategie “Occupy” ebenfalls mehr oder weniger verheißend zurück. Doch “Occupy” als Symptom führt vor, wo die Versprechungen des Kapitalismus leer bleiben. Die Menschen sind inkompatibel mit einem System, dass nicht mehr nur die Arbeitswelt betrifft, sondern in jeden Bereich der Lebenswelt vorgedrungen ist. Das zeigt sich darin, dass hier öffentliche Plätze besetzt werden, die unter der (unsichtbaren) Hand von der Finanzwelt einverleibt wurden – aber auch in den geteilten Lebensschicksalen der 99%.
Innerhalb dieses symptomatischen Phänomens des Spätkapitalismus, der Belagerung von öffentlichen Plätzen durch Occupy, sieht Dean auch eine neue Umgangsformen sich entwickeln, die von einer Reaktualisierung kommunistischer Lebenspraxis kündet. Deshalb dürfe die Bewegung auch nicht demokratisiert werden, was einer Integration in das System gleichkäme. Dass es ihr Ernst ist, wird auch im Gespräch mit Moderator Krystian Wozniki deutlich. Auf seine zaghafte Frage, ob es bei der Konzeption 99% vs. 1% denn auch Raum für Grauzonen gäbe, antwortet sie knallhart: Nein. Im Kapitalismus, wie wir ihn jetzt haben, gibt es ein klares Schwarz und Weiß, und wir sind die 99%. (Die Vorlesung als Text hier)

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Mario de Vega – Thermal:
Nach soviel politischen Reden war nun etwas Action fällig. Mario de Vega, der schon am Vortag bei der Glitch Performance beteiligt gewesen war, führte die Performance “Thermal” durch. Vier ferngesteuerte Mikrowellen standen auf auf einem riesigen Lautsprecher, alles verbunden mit seinem Konvolut an Filtern. Ein dumpfer Noise-Bass wurde über Rückkopplungen erzeugt, dann packten sie die Flyer der transmediale in die Mikrowellen und die elektromagnetischen Wellen ergaben drastische Störgeräusche. Doch beschichtete Flyer & Mikrowellen sind in/compatible, denn es begann zu rauchen, die Mikrowellen stürzten von ihrem Lautsprecherpodest und ein aufgeregter Techniker zog den Stecker. Killer!

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Oneohtrix Point Never & Joshua Light Show
Und dann der reizüberflutende Ausklang des Abends. Der Experimental-Musiker Oneohtrix Point Never riss seine dronigen Ambient-Spuren runter, während die Leinwand des Auditoriums von der legendären Joshua Light Show bespielt wurde. Sowohl musikalisch als auch visuell ein Fest für mich, da ich bei über 80% der Eindrücke nicht die leiseste Ahnung habe, wie sie zustandegekommen sein könnten. Ich kann keine Worte verlieren, die ich nicht habe und so schließe ich mit einem kurzen Blick hinter die Kulissen von The Joshua Light Show, die zudem 100% analog arbeiten!

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