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@ (club) transmediale 2k+12 //Berlin 04.02.12

March 5th, 2012 by L'auteur · Keine Kommentare

#5: Parallel Worlds, Verfall & Ravedeath…

Satellite Stories: Parallel Worlds
Reizüberflutet von den letzten Tagen kürzte ich mein Programm für Samstag auf drei panels und begann entspannt im Kino. Unter dem Titel “Parallel Worlds” vereinte das Videoprogramm Satellite Stories Filme, die sich mit der Frage nach dem Tod auseinandersetzen und damit auch eine medienreflexive Qualität haben, ist doch die Aufzeichnung immer darauf angelegt, über den Tod hinauszugehen, ohne selbst Leben zu sein.
Die historische Arbeit dieses panels ist der Film “Mutter, Vater ist tot” des deutschen Videokollektivs RASKIN. Rotraud Pape und Andreas Coerper setzen hier ein Reenactment der Fernsehserie Dallas um und verfahren dabei im Stil von Amateurschauspielern in einer kulissenlosen Studiosituation. Nachgespielt wird ein eigenartiger Dialog der neunten Staffel, wo ein Mann auf der Ranch auftaucht, der behauptet der Vater Jock Ewing zu sein – ein Hauptcharakter der in der vierten Staffel für tot erklärt werden musste, weil der Schauspieler dieser Rolle, Jim Davis, 1981 starb. Ein völlig anderer Schauspieler behauptet nun, nach langer Amnesie infolge eines Unfalls zurückgekehrt zu sein, wobei er wegen seiner schweren Verletzungen nicht nur ein anderes Gesicht, sondern auch eine andere Stimme hat. Die Familie ist von dieser Erscheinung zwiegespalten. Ein solch abstruser Einfall der Drehbuchautoren ist für die Videokünstler aber ein außergewöhnlicher Anlass, über die Realitätseffekte von Film, sowie das Verhältnis von Tod und Gedächtnisfunktion des Mediums zu reflektieren.
Auch die finnische Videokünstlerin Laura Horelli betont in ihrem Video Haukka-Pala diese Qualitäten des Films. Ihre Mutter entwickelte die Kindersendung Haukka Pala, in welcher sie zusammen mit einer Hundehandpuppe den Kindern ein richtiges Verhältnis zu gesunder Ernährung näherzubringen versuchte. Sie starb in der Produktion der dritten Staffel an Krebs, Laura war gerade zehn. Die Videobänder der Serie sind trotz ihrer Künstlichkeit ein wichtiger Bestandteil Lauras Erinnerung an ihre Mutter. So lässt sich der Zusammenschnitt von Szenen der Serie, zu dem Horelli von ihrer Mutter erzählt, als filmische Trauerarbeit verstehen, als unmöglicher Versuch, die Grenze zum Jenseits zu überbrücken.
Die britische Künstlerin Sophie Kahn geht im Grunde den entgegengesetzen Weg. Mit einem 3D-Laser-Scanner tastet sie Gesichter von lebenden Menschen ab und erstellt so digitale Modelle, die sie in “04302011” zeigt. Solche Scanner werden normalerweise für unbewegte Objekte verwendet. Bei atmenden Menschen mit sich bewegenden Gesichtszügen entstehen zerklüftete Abdrücke, die an Totenmasken erinnern. Aus den digitalen Modellen fertigt Kahn auch Skulpturen im Verfahren des Rapid Prototyping.

Namensgebend für das panel war der Film der Niederländer Jos de Gruyter und Harald Thys. In Parallel Worlds, einem ironischen Lehrfilm, sprechen die beiden von den verschiedenen Verhältnissen der realen zur parallelen Welt, die über das Medium Film vermittelt sind. So soll in Ingmar Bergmans “Der Ritus” gezeigt werden, wie über ein Ritual, also den Übergang in die Parallelwelt, ein Mensch der realen Welt getötet werden kann. Der Umgang mit Robotern ist ein Beispiel für eine mögliche Kommunikation zwischen beiden Welten. Das Endstadium, die vollständige Überlappung beider Welten, zeigt ein Filmausschnitt über ein Dorf aus arbeitsamen, animatronischen Puppen, wie man sie aus Geisterbahnen oder Disney’s It’s a Small World kennt: Der Tod der Glückseligkeit einer vollständig mechanisierten Kontrollgesellschaft.

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Reza Negarestani: Decay Modernism
Auf den Talk Trash/Streams (Wastelands) im ctm-Programm wurde ich eigentlich wegen des britischen Hauntologen und Musikkritikers Mark Fisher aufmerksam, doch weil dieser verhindert war, konnte sich der iranische Philosoph Reza Negarestani, aus seinem malayischen Exil per Skype zugeschaltet, über die gesamten zwei Stunden des slots ausbreiten. Hinter dem Vortragstitel “Decay Modernism” verbirgt sich eine epistemologische Theorie, die sich wohl auch dem Speculative Realism zuordnen lässt und den Verfall als Grundprinzip erhebt. In einer fragwürdigen Auseinandersetzung mit Aristoteles und mithilfe verwirrender Diagramme sprach Negarestani davon, dass alle Ideen (also alles, was es gibt) Formen sind, die bereits im Verfall begriffen seien. Dadurch jedoch würden neue Fluchtpunkte im epistemischen Horizont gesetzt: Im Verfall extrapolierten sich die Formen in die Zukunft, wodurch neue Formen und Formenverhältnisse entstehen. Dies sei die Bewegung der Kreativität, die sich in der Moderne linear beschleunigt. Anders als in die Hauntologie geht Negarestani davon aus, dass alles bereits tot ist. Mir hingegen ist es unerklärlich, wie in einem solchen Modell Geschichte, aber auch das Ereignis als solches gedacht werden können. Zudem scheint es mir inkohärent Verfall mit Tod gleichzusetzen – denn selbst der Verfall bedarf des Lebens (Erosion, nekrophage Insekten, différance…), aber naja. Vielleicht bin ich bei dieser voraussetzungsreichen Flut von Fach- und Kunstwörtern einfach nicht mitgekommen.

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Tim Hecker: Ravedeath, 1972
Das probate Mittel, den Kopf nach dieser Achterbahnfahrt zu formatieren, gab es zum Glück nur wenige Stationen entfernt. In der Passionskirche performte der kanadische Musiker Tim Hecker sein Album Ravedeath, 1972. Dazu wurde die Kirchenorgel mikrofoniert und mit den digitalen presets auf dem Laptop verknüpft, so dass sich die unterschiedlichen Soundsignale in Feedback-Schleifen koppelten, verstärkten oder auslöschten. Das Spiel zwischen analoger Orgelmusik und elektronischen Klängen begann mit sachten Ambientgeweben, doch plötzlich wuchsen von ganz tief unten massive Dronesäulen, die über die Kirchgänger walzten. Völlig im Dunkeln sitzend, war man der Soundgewalt schonungslos ausgeliefert, die nicht nur das Trommelfell, sondern den gesamten Körper zum vibrieren brachte. Absolut sagenhaft! Nach 50 Minuten reiner Intensität zog ich sprachlos davon – der Frage, wie wohl ein Gottesdienst zu dieser Kirchenmusik aussehen müsste, war ich außerstande nachzugehen.

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