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@ (club) transmediale 2k+12 //Berlin 05.02.12

March 11th, 2012 by L'auteur · Keine Kommentare

#6: Dark Drives & Organology…

Eine Ausstellung – ein Konzertabend, für mich die perfekte Abrundung einer grandiosen Woche.

Dark Drives. Uneasy Energies in Technological Times:
Der diesjährige Kurrator der transmediale-Ausstellung, Jacob Lillemose, hat mit Dark Drives einen eindrucksvollen Parcours zum Erlebnis technologischer Inkompatibilitäten geschaffen. Unruhige Energien sind wesentlicher Bestandteil aller Technologien und im menschlichen Verhältnis zu ihnen immer am Werk. In diesem Sinne lässt sich die Ausstellung als Irritation verstehen, um die Kraft unruhiger Energien offenzulegen und dem Betrachter ein differenziertes Verhältnis zur technologischen Entwicklung zu ermöglichen.
Schon beim Betreten der Ausstellung wird einem mulmig, denn in einem völlig finsteren Raum begrüßt einen das dronige Wummern der Soundinstallation PROBE des dänischen Soundkünstlers TR Kirstein. Es dringt durch die Haut, durch Mark und Bein, der Körper wird von Bass umhüllt und dadurch spürbar. “Das hier betrifft dich”, scheint die Bassröhre sagen zu wollen und man flüchtet in den nächsten Raum. Doch auch hier ist es dunkel: Wände, Böden, Decke, alles ist schwarz – nur wo es Exponate gibt, scheint gerade genug Licht, um sie zu betrachten. Welcome to the dark side of technology.

Die ersten Stücke können noch mit Augenzwinkern betrachtet werden, wie Sture Johannessons Versuche der 1970er Cannabisblätter durch computergenerierte Zeichnungen darzustellen, JK Kellers Simpsons-Glitch “Realigning My Thoughts On Jasper Johns” oder die Installation feedback #6 des Paidia Institute, zwei kurzgeschlossene Playstation-Konsolen, die sich gegenseitig öffnen und wieder schließen. Doch schnell holt den Betrachter das beklommene Gefühl vom Eingang wieder ein und steigert sich von Exponat zu Exponat. Das Bureau of Inverse Technology präsentierte einen Werbefilm zur Suicide Box, einer Videokamera, die darauf programmiert ist, Selbstmordvorfälle an Brücken zu erfassen. Die sachliche Präsentation der Entwicklungs- und Testphasen steht im krassen Kontrast zum düsteren Soundtrack und der Tatsache, dass das Gerät in den 100 Tagen der ersten Anbringung 17 Ereignisse aufzeichnete.

Von den Umweltaktivisten Jack Caravanos und Vibek Raj Maurya wurde eine Auswahl von flickr-Bildern zum eWaste-Hotspot Ghana und damit die Kehrseite der permanenten Weiterentwicklung gezeigt. Unter widrigsten Umständen werden auf riesigen Schrottplätzen die letzten Edelmetalle aus europäischem Technikmüll herausgebrannt und geätzt. Eine weitere Kehrseite beleuchtete die Dokumentation Web Warriors von Jay Dahl, Edward Peill und Christopher Zimmer. Der Cyberwar stellt für die völlig vernetzte Welt, in der wir leben, eine reale Gefahr dar, auch wenn man das Ausmaß nicht mal annähernd bestimmen kann.

Aber was macht der Computer mit dem konkreten Menschen? Was ist zum Beispiel in Steve Ballmer, CEO des Softwareunternehmens Microsoft, gefahren, als er bei einer Präsentation derartig ausrastet? Die Inkarnation des DotCom-Hypes, fleischgewordene Technikhysterie oder der gewöhnliche Koks-Manager von heute? Auf dem zertrümmerten PC von Eva and Franco Mattes (0100101110101101.ORG) hingegen laufen YouTube-Videos heimlich gefilmter Kinder, die sich wegen gelöschten Accounts, PC-Problemen oder Game-Overs in verstörende Wutausbrüche steigern. Die Spiele üben eine solche Macht auf die jungen und offensichtlich süchtigen User aus, dass sie selbst deren emotionalen Haushalt domninieren. My Generation, so der Name dieser Installtion.

Der norwegische Sound- und Videokünstler Bjørn Erik Haugen schließlich zeigt in der Installation “Interface” auf einem viergeteilten screen das Sichtfeld eines Soldaten in einem Apache-Helikopter. Sein Blick ähnelt dem eines Computerspielers, das Interface abstrahiert die Menschenschicksale und reduziert das Kriegsgeschehen auf den Knopfdruck, der technikvermitteltes Präzisionstöten bedeutet.

*

Touch.30/Spire: Organology
Finster und unheimlich ging es auch auf dem Abschlusskonzert der club transmediale in der Passionskirche zu. In Kollaboration mit dem legendären Label Touch Records wurde das zwölfte Konzert der Reihe Spire veranstaltet, worin es um die Erkundung und Zelebrierung der Orgel geht. Für die Organisatoren handelt es sich um eines der bedeutensten und kulturträchtigsten Instrumente in der Geschichte der Musik und sollte gerade heute, als Vorgriff des Synthesizers, erforscht und gehört werden.
Das vierstündige Konzert in vier Akten bot dafür reichlich Gelegenheit. Durch den Abend führte der bekannte, britische Pianist und Organist Charles Matthews, der mit vornehmlich düster-schaurigen Orgelstücken (bspw. von Giacinto Scelsi oder Olivier Messiaen) der Spectral-Thematik des ctm gerecht wurde. Eine ganz besondere Erfahrung war das Stück Paramell III von Stephen Montague, zu dessen Beginn Matthews das Publikum aufforderte, über die Dauer des Stücks zu summen. So wurde man selbst Klangkörper der abstrakten Komposition.

Die einzelnen Akte boten aber auch je einem Solokünstler Raum für seine Musik. Jana Winderen ließ eine dichte und spannungsreiche Field-Recording-Komposition in der Kirche ertönen und dem Hörer unterschiedliche Stufen von Finsternis nachvollziehen. Mit The Eternal Chord wurde das Projekt eines endlosen, gruppenimprovisierten Orgelstücks fortgesetzt: Charles Matthews, Mike Harding, Marcus Davidson & Jon Wozencroft schufen einen extrem dichten Orgelklangkomplex, der sich in jeden Winkel des Gebäudes ausbreitete. Vor allem Hildur Gudnadottír, isländische Cellistin, hat mich umgehauen. Mit ihrem Cello spielte sie zunächst fragmentarische Klänge, doch durch Loops aus dem Laptop und immer gewaltigerem Cellospiel wuchs diese zu einer vielschichtigen, leicht träumerischen Klangwelt an. Den Abschluss machte Eleh – das anonyme Bass-Projekt aus dem Hause Touch. Gewohnt minimalistisch walzte der Bass durch die Kirche und kam einer akkustischen Raumvermessung gleich. Nun wurde noch Arvo Pärts Pari Intervallo gespielt und ein gelungener Abend ging zu Ende. Und damit ein fantastisches Festival… Danke!

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