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Postdigital ist besser* @ designtransfer, UDK Berlin

May 14th, 2013 by L'auteur · Keine Kommentare

Der QR-Code als Portal…

Studierende der Visual Communication an der UDK Berlin haben vom 23. bis 26. April 2013 in der hauseigenen Galerie designtransfer Arbeiten unter dem Motto “Postdigital ist besser” ausgestellt. Im Wintersemester 2012/13 haben sie die Unterschiede zwischen analogen und digitalen Medien erarbeitet, und in ihren Projekten Interaktionsmöglichkeiten und Transformationsprozesse ausgelotet.

Dabei sind einige sehr interessante Arbeiten entstanden, die die Selbstverständlichkeiten neuer Medien mit denen vergessener konfrontieren lassen. So setzte sich bspw. Giulia Schelm mit einer alten Schreibmaschine in ein Café, in dem die digital bohème ihren mobilen lifestyle pflegt, und hämmerte ihre Beobachtungen aufs Papier. Dass sich heute keiner mehr wundert, wenn Menschen in Cafés nicht mehr mit dem Gegenüber sondern per Skype mit Kollegen aus Übersee kommunizieren, Mails schreiben oder Projekte mindmappen, ist ein deutliches Zeichen für die ubiquitäre Verbreitung digitaler devices. Kaum eine Tätigkeit wird nicht auch irgendwie digital vermittelt, wodurch die Computer in der Alltäglichkeit unsichtbar werden. Diesen Umstand versucht der Begriff “postdigital” zu beschreiben:

“Like air and drinking water, being digital will be noticed only by its absence, not its presence. […] Computers as we know them today will a) be boring, and b) disappear into things that are first and foremost something else” Nicholas Negroponte – Beyond Digital

Mit dem Alltäglichwerden des einen Mediums, werden alte Medien plötzlich sicht- und transformierbar, bieten neue Möglichkeiten des Einsatzes. In der Ausstellung der UDK-Studierenden fällt auf, dass es vor allem das Buch ist, das seine Selbstverständlichkeit verloren und gerade deswegen den Reiz zum Experimentieren zurückerlangt hat.

Felix Schröder überdruckt den Reclam-Band von Kafkas Die Verwandlung mit einer Kurzfassung und stellt damit dessen unbeschreibliche Literatur unter das zeitgenössische Tweet-Key-Information-Diktat; Idan Sher remixed Luis Borges’ Book of Sand, indem er alle Wörter alphabetisch sortiert; und Ana Halina Ringleb klebt ein Buch über Goethe zu, sodass es sich nicht mehr öffnen lässt. Der Titel “Ein Lesebuch für unsere Zeit” zeigt an, dass das Buch ausgedient zu haben scheint. Stattdessen kann man wie Marius Förster Umberto Ecos This is not the end of the book einfach auch zusammengoogeln und erhält einen aus Rezensionen extrahierten Diskursabdruck des Textes.

Andere versuchen sich daran, das Buch weiterzuentwickeln. Besonders spannend ist Denis Yilmaz “Neuveröffentlichung” des Märchens Vom Fischer und seiner Frau auf Kontoauszügen. Die Geschichte wird im Verwendungszweck von 1-Euro-Überweisungen erzählt, sodass am Ende der Geschichte über Gier und Maßlosigkeit ein Betrag von 125,00 zusammenkommt, und natürlich abgebucht wird. Martin Wecke hingegen stellt mit C.O.P.Y. Fragen an das Urheberrecht, indem er ein Buch entwirft, das erst nach dem Kopieren leserlich wird. Augenfällig ist auch das mehrfache Auftauchen von QR-Codes (bei den Arbeiten von Alina Rudya, Vincent Tollens und Vera Kellner), die das Buch zur Linksammlung verwandeln und den Inhalt in die cloud verlegen. In der Diskussion am Tag der Vernissage spricht Danny Aldred, Designer mit dem Schwerpunkt Buchgestaltung, auch vom QR-Code als einem Portal zwischen digitaler und analoger Sphäre. Andererseits ließe sich dies auch anders beschreiben: Während früher die Hürde für das Lesen von Büchern die Fähigkeit des Lesens selbst war, ist es nun zusätzlich der Besitz eines Smartphones. Selbst die Problematik der Alphabetisierung, oder des information access scheint sich also auf die Ebene der devices verlagert zu haben.

Postdigital ist besser – diese Wertung wird noch zu überprüfen sein, aber zumindest geben die auf dieser Ausstellung versammelten Arbeiten Grund zum Nachdenken über den gegenwärtigen Status des Digitalen, das, so Siegfried Zielinski im talk, offensichtlich in eine Krise geraten ist. Einerseits ist es inflationär verbreitet, andererseits zeigt sich, dass die Versprechen der digitalen Revolution selten eingelöst wurden. Zeit also in kritische Revision zu gehen.

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