the satellite blog

a different point of view

the satellite blog header image 2

ReSource 005: The Medium of Treason: The Bradley Manning Case

May 31st, 2013 by L'auteur · Keine Kommentare

Agency or Misconduct in a Digital Society?

In einer Podiumsdiskussion am 5. Mai 2013 haben Mediaaktivistin Diani Barreto und transmediale-Kurratorin Tatiana Bazzichelli im Vorfeld der re:publica an den US-Soldaten und Geheimdienstanalytiker Bradley Manning erinnert, dem whistleblower, der Wikileaks das “Collateral Murder“-Video und 260.000 Diplomaten-Depeschen zugespielt hatte. Im Mai 2010 wurde er wegen Verstöße gegen den Espionage Act festgenommen und muss sich nach langer und zum Teil grausamer Haft seit Anfang diesen Jahres vor Gericht behaupten. Angeklagt ist Manning in 22 Punkten, von denen er in den Voranhörungen 10 Punkte in einem Schuldbekenntnis anerkannt hat. Der Prozess “United States v. Bradley Manning” wird am 3. Juni beginnen.
Der Fall ist zugleich polarisierend und symbolträchtig, bahnbrechend und symptomatisch, und hat neben des persönlichen Schicksals Bradley Mannings viele Bedeutungsschichten, die mit involvierten Gästen rekapituliert werden sollten.

Eingeladen waren Birgitta Jónsdóttir, die isländische Politikerin und Vorsitzende der Piratenpartei, die an der Veröffentlichung von Collateral Murder beteiligt war; der investigative Journalist John Goetz, der gerade für den NDR im Hauptstadtstudio der ARD und die Süddeutsche Zeitung tätig ist und 2010/2011 auch im den Fall Bradley Mannings recherchierte; sowie Andy Müller Maguhn, Mitglied der Wau Holland Stiftung, die sich für Informationsfreiheit einsetzen und die Spenden für Wikileaks verwalten.

Während in den Meinungen der breiten Öffentlichkeit Bradley Manning gleichermaßen als Kandidat für den Friedensnobelpreis wie für die Todesstrafe gehandelt wird, dürfte es innerhalb dieses kleinen Kreises der ReSource-Veranstaltung kein Zweifel bestanden haben, dass mit der Veröffentlichung der Dokumente, die die Kriegsverbrechen der amerikanischen Armee im Nahen Osten belegen, eine historische Tat vollbracht wurde. Wenn im Namen der Bürger*innen und der Demokratie Kriege geführt werden, dann haben diese ein Recht auf Information, ganz besonders über die Kriegsverbrechen ihrer Regierungen. Unstrittig war an diesem Abend auch, dass die harschen Haftbedingungen Bradley Mannings, besonders während seiner neunmonatigen Isolationshaft in Quantico, gegen Menschenrechtskonventionen verstoßen haben, wie u.a. auch Amnesty International und Avaaz. Dass eine demokratische Regierung derart wider ihrer eigenen Prinzipien handelt, zeigt, wie sehr die Informationsweitergabe ins Machtzentrum getroffen hat, und ähnlich wie bei der überzogenen Haftstrafe für Aaron Swartz, wie machtlos sie an dieser Stelle ist.

Kontrovers wurde es in der Runde eigentlich nur in der Frage nach der Rolle der Medien in diesem Fall. Ausgerechnet Investigativjournalist John Goetz wurde von der Runde, aber auch von einigen Zuschauern als Professioneller stellvertretend gescholten für die Arbeit der “sogenannten Mainstream-Medien”. Dabei waren seine Insider-Kommentare wertvolle Korrektive in der Generalkritik an “den Medien”. Es steht außer Frage, dass besonders die Fokussierung einiger US-Medien auf den Gossip persönlicher Details Mannings den historischen Gehalt des Falls vollkommen verpasst hat. Auch ist es richtig, dass das Thema nach dem Haftskandal schon lange keine Schlagzeile mehr gemacht hat. Aber es wäre fatal, anzunehmen, das Thema sei von allen Zeitungen totgeschwiegen worden. Dass bspw. der Spiegel ein Jahr lang eine Sondergruppe um dieses Thema versammelt hat, wie Goetz berichtet, ist eines der vielen zeit- und geldaufwendigen Prozesse des professionellen Journalismus, die den Lesenden meist nicht bekannt sind. Das verleitet allzu leicht zu dem Gedanken, dass dort gar nichts geschieht. Die Crux liegt wohl in dem gleichzeitigen Verlangen nach tiefgreifender Analyse und kostenlosem Informationsangebot.

Zudem könnte man zurecht behaupten, dass es lange Zeit keine “News” im Falle Bradley Mannings gab. Ganz im Gegenteil, das politische Desaster ist offenkundig und unverändert. Hier reicht es wohl nicht mehr zu berichten, es muss etwas getan werden. Anstatt einer slippery-slope-Diskussion über “die Mainstream-Medien” ist also eher der Gang in die Politik oder auf die Straße gefragt. Ein vielversprechender Weg ist Birgitta Jónsdóttirs Anliegen, die mit IMMI neue Rechte des Datenschutzes und der Informationsfreiheit zu etablieren sucht. Ein anderer die weltweiten Protestmärsche der Free-Manning-Bewegung am 1. Juni, um 15h00 auch in Berlin am Brandenburger Tor.

further reading
Timeline im Fall Bradley Manning
Bradley Manning Statement
Manning-Lamo Chat Logs
Glenn Greenwald: Kollektives Versagen
OPEN: Outlaws and Pioneers of the Electronic Frontier (Doku)

Tags: @// · Berlin · Hacktivism · Internet · Netzpolitik · USA