the satellite blog

a different point of view

the satellite blog header image 2

Cyberfest Berlin 2013 @ The Wye & Platoon

December 9th, 2013 by L'auteur · Keine Kommentare

Geste und Räumlichkeit digitaler Kunst…

17. November 2013, es ist 12 Uhr, Sonntag mittag und noch etwas verschlafen kommen die Gäste zum letzten des fünftägigen Cyberfests im The Wye zusammen, um der panel discussion mit Marcu Mancuso (Digicult), Tatiana Bazzichelli (Transmediale), Anna Frants (Cyland), Chatzistefanou Panagiotis (Nakedbutsafe), Mark Poggia (Sensanostra) und Vanina Aracino (ikono) zu folgen. Kein Wunder, ein reichhaltiges Programm aus Ausstellungen, Konzerten, Video screenings und workshops findet heute den Abschluss. Und was sollen die Redner*innen jetzt noch auf die Frage, was digital media art sei, antworten? Vielleicht reicht es auch, wie Mancuso festzustellen, dass durch die digital art-Szene der Kunstdiskurs aufgebrochen wurde: Die Künstler*innen haben oftmals keinen klassischen Kunstkontext, sondern sind passionierte Bastler*innen, im Postiven dilettantische Kreative, die mit neuen Ausdrucksformen experimentieren. Technologieaffinität war dabei der Auslöser Kunst zu betreiben, doch mittlerweile geht es mehr um die Geste selbst, die einer institutionalisierten Kunstwelt etwas entgegensetzt. DIY spirit und Vernetzung machen es möglich, Zeitschriften, Ausstellungen und Festivals zu organisieren und dabei die Grenzen von Kunst, Kritik und Wissenschaft verschwimmen zu lassen. So kommt es bei digital art also längst nicht mehr darauf an, dass ein Kunstwerk eine WiFi-Verbindung aufweist.

Das zeigt vor allem die Ausstellung “Capital of Nowhere”, deren Exponate sich ganz unterschiedlich mit der Frage der Umgebung auseinandersetzen, die heutzutage, anders als noch vor 100 Jahren, in einem kontinuierlichen Wandel begriffen scheint. So wirken die schwarzen Würfel-Roboter “Om” von Andrii Linik, die sich piepend durch die Ausstellung bewegen, seltsam verloren und schutzbedürftig, bietet doch die black box die größte Projektionsfläche für die eigene Orientierungslosigkeit. Auch ein Baby muss sich wohl so fühlen, dessen Perspektive uns Ludmila Belova in ihrem Video “The Compelled Foreshortening” näherbringt. Dazu hat sie eine Videokamera in einem Kinderwagen drapiert und eröffnet damit einen neuen Betrachtungswinkel auf den urbanen Raum. Pavel Ivanov und Alexey Grachev haben mit “Debris” den sogenannten Tschechenigel, eine aus Stahl oder Beton gefertigte Panzersperre, in schlichte Leuchtröhren übersetzt, die als Design-Objekte den Raum erleuchten. Diese Verschiebung löst die Form von ihrem kriegerischen Zweck, wodurch sie gleichermaßen befreit wird und doch Fragen der Erinnerung aufwirft.

Medienspezifische Erinnerung betreiben die Installationen “Made in Ancient Greece” und “Movie Mincer”. Auf einer klassisch-griechischen Amphore projiziert Anna Frants mit Minibeamern animierte Figuren und bricht mit der Museumserfahrung dieser traditionellen Bildträger. Sergey Teterin hingegen hat einen Fleischwolf an einen Beamer angeschlossen, mit dem Georges Méliès’ Voyage dans la Lune wie mit einem alten Projektor abgespielt werden kann. Diese Kinoerfahrung kann offensichtlich nur noch als Illusion in der Gallerie bestehen.

Drastisch und pessimistisch ist hingegen die Bewertung des modernen Menschen von Elena Gubanova und Ivan Govorkov. In “Yesterday, Today, Tomorrow” blicken wir auf drei identische, graue Männerbüsten, denen jeweils eine Plastiktüte übergezogen ist. Mit aufgerissenen Augen ist das Gesicht zum stummen Schrei gefroren, doch ein zaghaftes Atmen wird regelmäßig an der Tüte sichtbar. Möge sich dieser trotz der uns umgebenden unsichtbaren Repression zu einem Hurricane auswachsen, der wie “Tanya” in Petr Shvetsov‘s Installation seine schiere Kraft entlädt und das starre Raster identischer Kacheln zum Bersten bringt. Auch wenn der Künstler hier jede Scherbe minutiös arrangiert hat, entsteht im Betrachten der Eindruck eines unmittelbaren Ausbruchs, der mit dem Stillstand der Installation in Spannung steht. Eine Ästhetik der Potentialität bannt den Blick.

Der passende Soundtrack, der aus den Rissen dieser Wand klingen könnte, lief schon am Freitag in der Platoon Kunsthalle. KETEV, ein Projekt des Soundkünstlers Yair Elazar Glotman, dröhnt mit abgründigen Klängen durch die Containerhalle. Mystisch und finster, dabei jedoch präzise erhebt sich eine ganz eigene Spannung von absoluter Gegenwärtigkeit und entrückter Theatralität. Zuvor hatte unter anderem Yoshio Machida gespielt. Der Experimentalmusiker, der vor allem wegen seiner Steel-Drum-Performances bekannt ist, bot im Platoon ein reines Synthi-Konzert. Mit seinem EMS SYNTHI AKS modulierte er abstrakte Klänge und sich transformierende Loops. Per Beamer konnte die Feinarbeit dieser technischen Improvisation mitverfolgt werden, sonst hätten einen die Klänge vielleicht zu weit weg getragen.

Es gäbe noch einiges zu sagen zu den anderen Auftritten, zu den Workshops, den sorgfältig kurratierten Klang-Installationen und Filmen. Doch schon jetzt dürfte deutlich geworden sein, dass das 2007 in St. Petersburg gegründete Festival für Medienkunst bei seinem ersten Gastspiel in Berlin ein komplexes, reichhaltiges Programm geboten hat, und das hoffentlich nicht zum letzten Mal!

Tags: @// · Ausstellung · Berlin · Dark Ambient · Digitalkunst · Electronica · Medienkunst · Raum